Der Wüstenregenbogen

Lesezeit: 4 Minuten

Irgendwo in der Sonora-Wüste zwischen Yuma und Phoenix befindet sich ein kleiner Ort, der einen verschluckt und mitten in eine andere Zeit eintauchen lässt – in eine düstere und ursprünglichere Zeit.
Diesen Ort zu finden gleicht bereits einer Zeitreise. Mit jeder Stunde, die Gary, Helen und ich mit dem Auto weiter in die Wüste hineinfahren, wird die Landschaft etwas flacher, die Erde brauner und karger und die Kakteen und Büsche größer.

Helen entspannt sich mehr und mehr und lässt ihren Blick über den Horizont schweifen. Schon als kleines Kind war sie oft in der Wüste und liebt seitdem das Panorama der unendlichen Weite, erzählt sie mir.  In Gedanken sehe ich in den Augen dieser warmherzigen, ruhigen, „amerikanische Lady“ ein Mädchen, das zwischen Kakteen Slalom läuft und Steine sammelt.
Gary zeigt auf  einen besonders imposanten Kaktus, den „Giant Saguaro Cactus“ und ich sehe seinem grauen Schnauzbart beim Tanzen zu, während er mir Geschichten zu verschiedenen Kakteenarten erzählt, die an uns vorbeifliegen.

Die Kakteen wirken fast lebendig und scheinen mir entweder zuzuwinken, mich zu einem Faustkampf herauszufordern oder wild zu tanzen. Ich fühle mich beobachtet, denn sie stehen in kleinen Gruppen zusammen – fast so als hätten sie ein Geheimnis und würden sich flüsternd unterhalten. Die Kaktus-Arme sind in der Luft erstarrt, als würden sie die Luft anhalten, damit man nicht mitbekommt was sie gerade aushecken.

Die einsame Landschaft zieht an uns vorbei, während die Wolken immer gewaltiger und dunkler werden und den bedrohlich vor uns aufragenden Berg „Castle Dome“ umrahmen.  Endlich erreichen wir unser Ziel und ich springe aufgeregt aus dem Auto. Die Geisterstadt Castle Dome City scheint dem alten 6,5-stündigen Western „Lonesome Dove“ entsprungen zu sein.

Alte Gold- und Silberminen beherrschen das Bild und sprenkeln die Ebene, die sich vor dem Dorf bis in die Unendlichkeit erstreckt. Vor dem Saloon reihen sich Anbindebalken für Pferde aneinander und in den kleinen Hütten liegt jahrzehntealter Staub, der unzählige Gegenstände zudeckt, als würde er sie vor der Zeit schützen wollen. Mir läuft ein Schauer über den Rücken, als ich zerschlissene Holzdielen betrete, die mit einem verräterischen Knarzen die Stille zerstören. Fast schon erwarte ich, dass aus dem Nebenraum ein grantiger Hausbesitzer auftaucht und mich aus seinem Zuhause wirft. Stattdessen betrachte ich verstohlen die Überbleibsel aus dem Leben eines anderen Menschen.

Uns ist zwar bewusst, dass Castle Dome City mittlerweile ein Museumsdorf ist, aber wir sind die einzigen Besucher und die Hütten liegen so einsam, dass sie wirken, als wären sie in der Zeit eingefroren worden. Wir umrunden die Eingänge der verfallenen Minen, während Gary mit einem verschmitzten Grinsen  Saloongeschichten über Outlaws zum Besten gibt. Es ist wunderbar, in dieser historischen Geschichte zu stöbern und sie tatsächlich anfassen und erleben zu können.

Plötzlich machen die dunklen Wolken ihr drohendes Versprechen war. Mit ungeheurer Wucht prasselt der Regen auf unsere Köpfe herunter und ich sehe, wie die Tropfen vom ausgetrockneten Boden abprallen und über den Staub tanzen.

Wir sprinten zum Wagen und machen uns auf den langen Rückweg. Fasziniert beobachte ich die kleinen Bäche, die sich über den Wüstenboden winden und Büsche und Kakteen umrunden. Nach einer Weile wird der Regen schwächer und die Sonne scheint auf die unzähligen Büsche, die auf einmal grün schimmern. Gary hält den Wagen an und wir laufen ein paar Schritte über den nassen Wüstenboden.

Wir haben so ein unglaubliches Glück, dass es geregnet hat, sagt Helen lachend und zeigt auf kleine Blüten, die auf den Kakteen thronen.  Die Wüste blüht für uns!
Mit suchendem Blick laufen wir hin und her und entdecken eine Blüte nach der anderen – kleine gelbe Blüten an Büschen, schmale rote an Kaktussträuchern und sogar fluffige pinke an kleinen Kakteen.

Dann entdecke ich das wohl sicherste Vogelnest der Welt. Ein besonders schlaues Vögelchen hat sein Nest mitten auf einem Kaktus gebaut – hoffentlich mit genug Polsterung. Ich lasse meinen Blick Ausschau haltend in die Ferne schweifen und halte überwältigt inne: Ein gigantischer Regenbogen umarmt die Wüste und hat eine Leuchtkraft, die keine Farbpalette jemals erreichen wird. Wir brechen wieder auf, doch noch lange schwebt dieses Kunstwerk am Himmel und begleitet uns auf unserem Heimweg.

Was für ein schöner Tag in der Wüste!


Damit du auch ein bisschen die Geisterstadt und die Wüste durchstöbern kannst, habe ich eine kleine Foto-Galerie zusammengestellt. Wenn du mit der Maus drüber fährst, erscheinen Untertitel und mit einem Klick vergrößert sich das Foto. Viel Spaß!

Warst du schon einmal in der Wüste und hast ähnliche Erfahrungen gemacht?

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3 Kommentare

  1. Doris Brinkmann

    Oh, wie schön!!!!! :-)

  2. Voll schön!! Ich kann’s richtig vor meinen Augen sehen <3

  3. Ich muss nochmal nachbessern…..
    Oh, wie wunder…wunder….wunderschön…..ich sehe es direkt vor mir!!!!
    Du schreibst so bildhaft und anschaulich!!!

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