Die Waitomo Glowworm Caves – Wenn Glühwürmchen angeln

Lesezeit: 9 Minuten


Heute steht etwas ganz Besonderes auf meinem Reiseplan und dafür fahre ich in das entlegene Dorf Waitomo, welches drei Stunden von Auckland entfernt ist. Das Kaff hat bloß circa 50 Einwohner, aber jedes Jahr zieht es über zwei Millionen Besucher magisch an. Wenn man den Namen übersetzt, dann kann man sich den Grund dafür schnell ableiten: Waitomo setzt sich aus den maorischen Wörtern wai (Wasser) und tomo (Loch) zusammen.

Unter den grünen Hügeln Waitomos befindet sich ein Labyrinth aus Trichtern, Flüssen und Höhlen, in die man sich abseilen und die man erforschen kann. Ich werde heute also einen weiteren Punkt auf meiner Reisetraumwunschliste abhaken: Es liegt eine fünfstündige Black Water Rafting Tour vor mir und ich kann es kaum erwarten!

P3151109-001In der Gegend gibt es verschiedene Touranbieter und diverse Optionen. Man kann sich in die „Lost World“ abseilen und durch eine Höhle voller bizarrer Pflanzen wandern oder man macht einen Ausflug zu den Ruakuri Caves, um riesige Stalagmiten und Stalagtiten zu sehen. Ich entscheide mich allerdings für die „Waitomo Glowworm Caves“, denn wie der Name schon sagt, gibt es dort jede Menge Glühwürmchen!

P3151212-001Wir sind eine kleine Tourgruppe aus acht Leuten und haben zwei Guides. Wir sind alle um die 20 Jahre alt und verstehen uns auf Anhieb super – vor allem unsere Guides Ross und Nicole (s. Foto) haben einen sehr speziellen neuseeländischen Humor und machen die Tour zu einem einmaligen Erlebnis.

Die erste Aufgabe ist fast schon der anstrengendste Teil des Tages, denn wir müssen uns in die Neoprenanzüge, -socken,- jacken und -schuhe zwängen. Und als ob das nicht schon genug wäre, bekommen wir auch noch Neoprenhauben, damit sich die Haare nicht beim Abseilen in der Seilwinde verfangen können. Super ausgerüstet bekommen wir vor den Caves erst einmal eine kleine Einführung in die Kunst des Abseilens. Jeder hat eine eigene kleine Seilwinde am Gurt und kann damit die Geschwindigkeit  individuell steuern.

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Mittendrin fängt es plötzlich an zu schütten und wir strahlen uns an. Endlich trifft der Zyklon auf Neuseeland, der schon seit Wochen angekündigt war und die ganze Zeit drohend über meinen Reiseplänen hing. Was habe ich doch für ein Glück, denn nass werde ich heute sowieso, also kann es meinetwegen stürmen oder schneien.

Bevor es richtig ungemütlich wird, seilen wir uns lieber in die Höhle ab. Es ist ein sehr komischer Moment, als ich plötzlich über dem Abgrund hänge. Es kostet mich etwas Überwindung, das Seil zu lockern, doch dann beginne ich, mich die insgesamt 30 Meter abzuseilen. Der Höhlenschacht wird unerwartet eng und ich manövriere an Felsvorsprüngen vorbei.

P3151126-001Puh, geschafft.

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Als alle unten angekommen sind geht es direkt weiter zum Flying Fox (Zipline). Wir bekommen die Anweisung, unsere Stirnlampen auszumachen. Ich surre im Stockfinstern, an der Seilbrücke hängend, durch die Luft, ohne zu wissen, wie weit und wohin. Ein plötzlicher Ruck im Seil schleudert mich zurück und ich baumele hin und her bis mich Nicole aus der Luft fischt. Auf einem Felsen liegend schaue ich in den Höhlen-„Himmel“ und betrachte die ersten blau schimmernden Glühwürmchen, während ich darauf warte, dass die anderen surrend ankommen.

Wir dürfen unsere Stirnlampen wieder anknipsen und machen eine kleine Verschnaufspause. Am  Felsrand sitzend lassen wir unsere Beine über dem Wasser baumeln und genießen eine heiße Schokolade und den Kuchen den unsere Guides aus ihren wasserfesten Rucksäcken hervorzaubern.

Jetzt fängt das Abenteuer erst richtig an. Wir schnappen uns alle einen großen Reifen und springen aus vier Metern Höhe ins Wasser. Und es ist definitiv notwendig zu springen, denn langsam ins Wasser zu steigen wäre nicht ganz so angenehm. Trotz des Neoprenanzugs merke ich das 10° kalte Wasser deutlich, vor allem als es mir den Rücken runterläuft.

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Langsam floaten wir auf den Reifen durch das Höhlensystem und hangeln uns an Seilen entlang. Es ist schon erstaunlich, was für grandiose Tunnel und uralte Stalagmiten und Stalagtiten durch das Jahrtausende lange Strömen des Wassers erschaffen wurden. Die Seile enden und wir paddeln mit den Armen weiter.

Nach einer Weile erreichen wir die Stelle, an der der Tunnel komplett ins Wasser abtaucht und müssen umkehren. Auf dem Rückweg machen wir die Stirnlampen aus und die Höhle entfaltet ihre volle Magie.

glowworm-caves-waitom-1[2]Tausende von Glühwürmchen weisen mir den Weg und kreieren einen bizarren Sternenhimmel an den Höhlenwänden. Nachdem wir eine Weile plätschernd durch das Wasser paddeln, haken wir uns mit den Füßen aneinander und bilden eine Reifenkette. Ross zieht uns unglaublich leise und behutsam durch das Wasser. Absolute Stille umschließt uns.

Während wir langsam durch das Wasser gleiten betrachte ich die verschiedenen Glühwürmchenformationen die die Felswände zieren und ich habe das Gefühl, als würde sich eine uralte und längst vergangene Galaxie vor mir erstrecken. Der blaue Schimmer, der versucht, die stille Dunkelheit zu durchbrechen, ist faszinierend. Diese Höhlen entstanden vor Millionen von Jahren und ich frage mich, wann und warum sich die ersten Glühwürmchen hier niedergelassen haben. Was der Maori wohl gedacht hat, der diese Höhlen als erster entdeckt hat? Dieser Anblick ist eindeutig großartiges Material für Maori-Legenden.

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Das Wasser wird flacher und es geht zu Fuß weiter. Wir waten über vereinzelte Felsen kletternd hindurch und der Tunnel wird immer enger. Gut, dass ich keine Platzangst habe. Dieser Tunnelabschnitt hat den sehr anschaulichen Namen „rebirth canal“.

Hier merke ich definitiv, wofür der Helm gedacht ist, denn es ist quasi unmöglich, sich nicht den Kopf zu stoßen, während man sich durch den Felsspalt quetscht und auf allen Vieren unter der immer niedriger werdenden Decke entlang kriecht.

Die niedrigen Tunneldecken haben allerdings den Vorteil, dass ich die Glühwürmchen aus der Nähe betrachten kann. Ich hätte nicht erwartet, dass sie so groß sind. Der leuchtende Teil ist nur ein winziger Bereich und was mich noch mehr verwundert, sind die Fäden, die von den Glühwürmchen herunterhängen.

waitomo-glowworm-caves-in-new-zealand-004Die Waitomo Caves sind berühmt für diese einheimischen Glowworms. Dabei handelt es sich um eine besondere Art. Sie schwirren nicht gelb blinkend durch die Luft, sondern sitzen an den Höhlenwänden, lassen lange klebrige Fäden herunterhängen und leuchten durchgängig bläulich. Durch das Licht werden Insekten angelockt, die sich dann in den Fäden verfangen und vom Glühwürmchen wie an einer Angel hochgezogen werden.

Irgendwie merkwürdig, dass sich die Würmchen ihr Essen angeln, um sich schließlich in eine spezielle Fliegenart verwandeln zu können und dann nur fünf weitere Tage überleben. Von diesen fünf Tagen als Fliegen verbringen sie zwei Tage damit, neue Glühwürmchen zu produzieren. Das Weibchen verteilt circa 200 Eier und stirbt daraufhin. Wenn die Larven schlüpfen sind sie zu schwach und haben keine Nährstoffe, um ihre Angeln zu produzieren: Sie könnnen auch noch nicht leuchten, denn das Licht entsteht erst während der Verdauung, die eine chemische Reaktion im Magen auslöst.

Wie kommen sie also an Beute, wenn sie dafür eigentlich schon Beute gefressen haben müssten? Die Lösung ist sehr simpel, erklärt mir Nicole: Sie fressen einfach ihre ungeborenen Geschwister. Der leuchtende Teil ist also Glühwürmchenscheiße und die Viecher fressen ihre Geschwister… Auf einmal ist der schimmernde Anblick nicht mehr ganz so mystisch.

Weiter geht es durch den „Gang des betrunkenen Sonntagmorgens“. Der Boden ist voller Spalten und schiefer kleiner Felsen. Wir schwanken durch die Gegend und kommen nur sehr langsam vorwärts und meine alte Bänderdehnung im Knöchel meldet sich kleinlaut zu Wort. Gut, dass wir einen kurzen Stopp einlegen, als wir unterwegs über einen besonderen Stein stolpern: Es ist ein uralter Walknochen. Laut Maori-Legende bringt es Glück, einen Walknochen zu küssen. Da man nicht wirklich oft eine Gelegenheit dazu bekommt, lassen sich sogar die Jungs zu einem Glücksküsschen überreden. Schaden kann es ja nicht.

Plötzlich endet der Weg an einer kleinen Klippe und da uns der Abstieg zu mühsam erscheint, veranstalten wir spontan einen Bauchplatscher-Wettbewerb.

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Danach machen wir unsere zweite Pause mit neuseeländischer Schokolade und Apple Cyder. Das absolute Highlight erwartet uns schließlich gegen Ende der Tour: Wir klettern mehrere kleine Wasserfälle hoch! Die Felsen bieten zum Glück sehr gute Griffe und liegen nah beieinander, sodass ich halb im Wasserfall hängend wie in einem Schornstein den Tunnel hocklettern kann. Immer weiter windet sich der Tunnel und nimmt Abzweige, aber die Devise ist: immer nach oben und in Richtung Licht.
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Mit einer letzten Anstrengung ziehe ich mich nach oben und stehe plötzlich mitten in einem Regenwald. Völlig entkräftet aber glücklich unternehmen wir noch eine kleine Wanderung und dann gibt es endlich eine heiße Dusche. Im Glowworm-Café bekommen wir eine abschließende Tomatensuppe und Bagel serviert und sitzen noch eine Weile zusammen, um wieder zu Kräften zu kommen.

P3151214-001Mit müden Muskeln schleppen wir uns schließlich die 100 Meter auf die andere Straßenseite zum Hostel und kuscheln uns mit Decken auf die Sofas am Kamin, während zum fünften Mal die DVD „Ziemlich beste Freunde“ abgespielt wird. Dieser Kamin in diesem kleinen Hostel in diesem winzigen Kaff ohne Internetverbindung ist wahrscheinlich der gemütlichste Ort der Welt, denke ich noch, bevor ich einschlummere und kleine, blaue Glühwürmchen vor meinen Augen tanzen.

Hast du schon einmal echte Glühwürmchen gesehen?

 

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2 Kommentare

  1. Doris Brinkmann

    Ich bekomme richtig Fernweh und Sehnsucht nach Neuseeland und möchte diese Höhle gerne auch einmal besuchen….
    so schön beschrieben…
    :-)

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