Ein Vogel mit Höhenangst

Lesezeit: 4 Minuten


Nach dem wundervoll entspannten Nachmittag an den Stränden von Los Angeles,  sitze ich im Flieger und die nächste Etappe meiner Reise beginnt: Es geht nach Neuseeland!

fidschiaIch fliege mit Fidschi Airways, was ein Erlebnis für sich ist. Die Arbeitskleidung der Stewardess ist eine Blume im Haar, das Entertainment-Programm ist gigantisch und jeder Sitz hat einen USB-Ladeanschluss und eine Steckdose unterm Sitz. Das einzig Negative sind die zwei obligatorischen Dauerschrei-Kleinkinder an Bord, doch der Sonnenaufgang über Fidschi beim Landeanflug entschädigt mich für den Schlafentzug.

Am Flughafen werde ich von tanzenden und singenden Insulanern begrüßt und nach ein paar Stunden Wartezeit geht es weiter nach Neuseeland. Da wir über die internationale Datumsgrenze fliegen, verliere ich einen kompletten Tag und fühle mich, als hätte ich eine kleine Zeitreise gemacht.

Meine physische Ankunft

Für 16$ fahre ich mit dem Shuttle in die Stadt und Auckland begrüßt mich mit Sonnenschein, während ich durch die Straßen laufe, um mein Hostel zu finden. Glücklich, wie ich es erwartet hatte, bin ich allerdings nicht, stattdessen breitet sich eine merkwürdige Leere in mir aus. Ich fühle mich ziemlich verloren und zwar auf physische (Wo ist mein verdammtes Hostel?!), und auch auf metaphorische Weise.

Ich bin nach so vielen Monaten Warterei endlich in Neuseeland. Sollte ich mich jetzt nicht eigentlich freuen, aufgeregt sein, jeden Winkel der Stadt erkunden wollen?

Stattdessen lade ich mein Zeug im Hostelzimmer ab, sitze auf einem fremden unbequemen Bett und fühle mich komplett überfordert. Liegt es am Jetlag? Nein, mich trifft eher die volle Wucht der Erkenntnis, dass jetzt die anstrengenden zwei Monate meiner Weltreise anfangen. Ich muss meine Route planen – alleine. Ich muss mich in fremden Städten zurechtfinden – alleine. Ich muss meinen Backpack durch die Gegend schleppen – alleine. Aber ist das nicht eigentlich genau das was ich wollte, diese Freiheit und Spontanität? Tausend Fragen und Probleme prügeln sich in meinem Kopf.

Was soll ich diesen Monat machen? Wie soll ich von einer Stadt in die nächste kommen? Was will ich unbedingt sehen und wie will ich meine Zeit hier gestalten?

Ich wünschte ich hätte vor meinem Abflug etwas Zeit gehabt, um schon ein bisschen zu planen, denn Neuseeland ist erstaunlich groß, obwohl es auf der Karte neben Australien immer so winzig wirkt. Und für dieses riesige Land habe ich bloß knapp einen Monat Zeit – von echter Spontanität kann ich mich also verabschieden. Ich komme mir so dumm vor, so naiv, dass ich nichts vorher geplant habe.

Als ich den halben Inhalt meines Backpacks in einem winzigen Waschbecken wasche, weil sich der Inhalt einer zerbrochenen Shampooflasche entleert hat, schaut mir mein Spiegelbild beim Angst haben zu. Und ich schaue zurück und in Gedanken blättere ich in meinem Terminkalender und denke unentwegt:

Das hier werden die Tage sein, an die du wehmütig denken wirst.

Und plötzlich realisiere ich, dass ich nicht Angst vor dem Unbekannten habe, sondern Angst, etwas zu verpassen! Ich habe mich schon so lange auf Neuseeland gefreut, dass ich mich nicht selber enttäuschen will.

Meine psychische Ankunft

Mir wird das Zimmer zu eng und ich gehe nach draußen. Und ich laufe weiter, immer weiter, getrieben von einem unbestimmten Ziel.

IMG_1700aAls ich den Hafen erreiche, weiß ich endlich, wonach ich Suche: Nach Ruhe zum Nachdenken. Nach der Weite des Horizonts. Und mit all den Gedanken in meinem Kopf und zwischen all den erschöpften Seufzern stehe ich am Wasser und atme ein und atme aus und schaue den Wolken beim Ziehen und Männern beim Fischen und anderen beim Atmen zu und bin glücklich.

Denn zwischen all die Pläne und den Stress hat sich eine selbstverständliche Einfachheit geschlichen. Es ist nur einatmen und ausatmen, Schlaf und Luft und das Wissen um die eigenen Grenzen, die sich ein wenig mehr nach oben verschieben. Es ist nur Ruhe und Müdigkeit. Nur das bisschen wohlige Müdigkeit namens Ankommen.

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Wieder im Hostel zücke ich meine Kreditkarte und suche mir mit neuer Energie Busstrecken, Hostels und Unternehmungen heraus. Nach mehreren Stunden liegt die komplette Reiseroute ausgedruckt vor mir, mein Gehirn ist nur noch ein Haufen Matsch, und ich bin völlig ekstatisch, denn ich habe mir den coolsten Neuseelandplan überhaupt zusammengestellt! Ich werde fast jeden zweiten Tag zum nächsten Reiseziel unterwegs sein, aber auf diese Weise bekomme ich einen Eindruck von beiden Inseln und kann das Bestmögliche aus der Zeit machen. Ich sage nur: Mit Delfinen schwimmen. :-)

Ich laufe zufrieden ein paar Blöcke in Auckland herum, mache das Busterminal für den nächsten Tag ausfindig und decke mich im Supermarkt mit Essen ein. Jetzt nur noch schnell packen und die Reise kann beginnen. Neuseeland, ich bin bereit!

Hattest du auch schon mal so eine Reisepanik? Was hast du dagegen gemacht?

 

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4 Kommentare

  1. Hi Lisa,
    wenn Du alleine unterwegs bist, ist nur der Anfang schwer. Du wirst immer wieder auf nette Menschen
    treffen, die auch unterwegs sind und manchmal ist man
    ein kleines Stück zusammen unterwegs. Bleib einfach in
    Bewegung und schau Dir alles an. Du machst das genau richtig. Ich habe am Anfang in Australien solche Momente auch immer mit Aktionismus gefüllt und dann ergeben sich wieder neue und tolle Erlebnisse!
    Alles Liebe von hier aus
    Heike

    • Hallo Heike,
      du hast so Recht mit deinen Worten! Mein erster Tag in Neuseeland war das emotionale Tief meiner Weltreise. Sobald ich aber unterwegs war und jeden Tag etwas anderes tolles erlebt habe, folgten nur noch Highlights! Ich habe mir aber gedacht, dass ich auch die Sorgen und Ängste die mich am Anfang meiner langen Reise geplagt haben, beschreiben sollte. Dann wird umso deutlicher, wie grandios die folgenden Tage waren. :-) Ich freue mich schon drauf, die ganzen Neuseeland-Erlebnisse zu posten (sobald ich eine bessere Internetverbindung habe).
      Liebe Grüße aus Chiang Mai,
      Lisa

  2. Doris Brinkmann

    Ich kann deine Gefühle sehr gut nachvollziehen und wäre in diesem Moment gerne physisch bei dir gewesen! Gut, daß es Skype gibt!
    Du schaffst aber Alles, was du dir vornimmst, nur der erste Schritt ist immer der Schwerste! ;-)

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