Kambodschas Begrüßung (Die Chronik einer Reise)

Lesezeit: 11 Minuten

Dieser Tag heute fühlt sich wirklich unwirklich an. Ich irre durch Kambodschas Straßen und starre auf Straßenschilder, die ich nicht lesen kann. Auf dem Markt und in den Garküchen an der Straßenecke wird Essen angeboten, dass ich nicht erkenne und die Menschen sprechen eine Sprache, die ich nicht verstehe. Ich schaue hilflos in diese fremden Gesichter. Warum tue ich mir das an?

Dann wache ich langsam auf und schaue an eine vertraute Decke, doch diese innere Unruhe lässt mich nicht los. Das Morgenlicht fällt durch einen Gardinenspalt auf meinen fertig gepackten Backpack in der Ecke des Zimmers. Der Hinkelstein strahlt eine Zuversicht und Abenteuerlust aus, die ich in diesem Augenblick nicht teilen kann, denn mir schwirrt das Wort Kambodscha bedrohlich im Kopf herum, wie ein unbekanntes Wesen.

Mein Kopf weigert sich schlicht, Neuseeland verlassen zu müssen. Alles hier ist vertraut und leicht und ich liebe das Land und die Sprache und die Menschen. Und Südostasien ist das andere Extrem: so unbekannt und fast ein bisschen furchteinflößend. Ist es nicht der Sinn einer Weltreise, Unbekanntes kennenzulernen? Aber warum habe ich dann so eine irrationale Angst davor?

Ich schiebe meine Gedanken beiseite und widme mich meinen allzu vertrauten Reiseritualen. Ich überprüfe noch einmal meine Flugtickets und packe meine restlichen Habseligkeiten in das Handgepäck. Eine kleine Tüte mit alten Klamotten lege ich auf das Bett. Die nächste Backpackerin freut sich bestimmt über einen warmen Pulli und eine halbe Packung Toast als Begrüßung. Um 10 Uhr morgens muss ich auschecken, setzte mich auf meinen Backpack und gehe die nächsten Stunden in Gedanken durch. 30 Stunden! So viel Zeit liegt vor mir, bis ich meinen Backpack in Kambodscha auf ein neues Bett fallen lassen kann. Bis ich wirklich angekommen bin.

12 Uhr. Der Flughafen-Shuttle, den ich am Abend vorher bestellt habe, holt mich nach zwei Stunden Warterei ab. Zu meiner Freude fährt noch ein anderer Backpacker mit und wir müssen statt $20 jeder nur $10 zahlen. Ich verbuche das unverhoffte  Geld als gutes Zeichen für meine Reise und meine Laune bessert sich. Geld macht manchmal doch ein bisschen glücklich.
13 Uhr. Am Flughafen setze ich mich auf den Boden und mache es mir neben einer Steckdose gemütlich. Mein Laptop nuckelt zufrieden etwas Strom, während ich diese Zeilen schreibe.
14:15 Uhr. Einchecken und Security. Mit jedem weiteren Meter entferne ich mich mehr von diesem Land, das ich am liebsten nie verlassen würde.
14:45 Uhr. Ich sitze am Gate und knabbere nervös an meinen mitgebrachten Bananenchips. Wie das Essen in Kambodscha wohl sein wird?
15:30. Boarding. Endlich!
15:55. Abflug mit Emirates Airlines. Ich mag die Airline auf Anhieb. Die Kinder werden mit Spielzeug ruhig gestellt und die Erwachsenen mit einem grandiosen Entertainment Programm mit Filmen, Musik, Musikvideos und Hörbüchern. Am besten gefallen mir die praktischen „Bitte aufwecken“- Aufkleber und der künstliche Sternenhimmel.

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3 Stunden später. Wir landen in Sydney, alle müssen aussteigen und erneut durch den Security Check. Theoretisch könnte ja einer der Fluggäste in der Luft eine Bombe gebaut haben, oder wie? 2 Stunden später. Endlich sitzen wir wieder im Flugzeug und es geht weiter. Es liegen noch 8:45 Stunden Flug vor mir und ich beschließe, vielleicht auch ein bisschen zu schlafen. Ich habe meine Armbanduhr längst umgestellt und mein Zeitgefühl verloren. 1 Uhr morgens Ortszeit.

Ich komme in Bangkok an und bemerke direkt diese wahnsinnige Ruhe am Flughafen, die sich nicht mit meinem trubeligen und chaotischen Bild von Südostasien verträgt. Je mehr endlose Gänge ich auf der Suche nach meinem Gate entlanglaufe, desto mehr Flughafenpersonal liegt in den bequemen Sesseln und schläft. Ich schnappe mir stattdessen einen Computer, an dem man kostenlos ins Internet kann, und stöbere schon mal ein bisschen, was ich in Kambodscha überhaupt alles sehen möchte. Die letzten beiden Wartestunden kann ich mich allerdings auch kaum noch auf den Beinen halten und versuche krampfhaft, nicht einzuschlafen, um das Boarding nicht zu verpassen.

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8am. Nach geschlagenen sieben Stunden Warterei geht es endlich weiter. Total überrascht schaue ich mir das Flugzeug für den Weiterflug an. Wir sind nur 12 Leute und fliegen mit einer kunterbunten Propellermaschine.

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Die Motoren dröhnen und die Propeller erzeugen Windkanäle, als wir durch die Wolkendecke fliegen. Das sieht zur einen Hälfte majestätisch und zur anderen Hälfte gruselig aus, wie sich dieser Haufen Metall in der Luft hält. Kaum das wir gestartet sind landen wir auch schon wieder. Der Flug dauert noch nicht einmal eine Stunde – und dafür habe ich sieben Stunden gewartet.

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Neugierig betrete ich zum ersten Mal kambodschanischen Boden und mir schlägt sofort eine unglaubliche Hitze entgegen. Ich flüchte in das winzige Flughafengebäude. Hier beginnt die lustige Prozedur, ein „Visum on arrival“ zu beantragen. Ich reiche dem ersten Beamten meinen Pass, die $20 Gebühr und ein Passfoto und stelle mich in einer weiteren Warteschlange an. Mein Pass wird von 12 verschiedenen Einreisemitarbeitern geprüft und weitergereicht, bevor fünf verschiedene Stempel reingeknallt werden und ich offiziell einreisen darf. Das ist natürlich auch eine Jobbeschaffungsmaßnahme. Das Warten hat sich allerdings gelohnt, denn das Visum ist wirklich einzigartig.

IMG_3382-001Zielstrebig finde ich den einzigen Geldautomaten weit und breit und freue mich, dass ich mir während der endlosen Wartezeit in Bangkok den Lageplan des Flughafens von Siem Reap angeguckt habe. Mein Hochgefühl hält allerdings nicht lange an. Der Geldautomat bricht zusammen, als ich Geld abheben will. Zum Glück brauche ich es jetzt noch nicht, denn mein Hostel hat mir kostenlos ein Tuk Tuk geschickt, damit ich sicher ankomme.

Mein Fahrer Mr. Sophara heißt mich mit einem strahlenden Lächeln herzlich willkommen, schleust mich an den Tuk Tuk Fahrern vorbei, die um die anderen angekommenen Touristen buhlen und schon geht die Fahrt los. Ich finde die Bezeichnung „Tuk Tuk“ wunderbar und die Fahrt selber hat ein besonderes Flair.

IMG_3089-001Hier in Asien nimmt man es dabei mit der Sicherheit nicht so genau. Passagiere bekommen keine Helme und mein Fahrer hat zwar einen auf, der Riemen ist allerdings nicht zu. Gurte zum Anschnallen? Fehlanzeige. Und das Gepäck wird auch nicht festgezurrt, was mich wundert, denn bei einer Vollbremsung würde mein Hinkelsteinchen genau im Rücken des Fahrers landen. Diese ganzen Faktoren und das Chaos auf den Straßen tragen allerdings zu einem völlig unbeschwerten Gefühl bei, das mich während der Fahrt überkommt.

Das Tuk Tuk düst überraschend schnell durch die Landschaft und mir weht ein angenehmer und sehr willkommener Fahrtwind um die Nase. Ich beobachte das Gewusel auf den staubigen Straßen. Das Moped ist definitiv das beliebteste Fortbewegungsmittel und es sitzen nicht selten drei oder mehr Menschen auf einem Exemplar – Vater, Mutter und 2 Kinder. Mein Favorit: Eine alte kambodschanische Dame, die wie in einem englischen Sattel hinter ihrem Mann auf dem Moped sitzt und sich die Nägel feilt. Oder Mopeds die riesige Mengen an Obst oder Säcken transportieren.

Im Hostel angekommen kann ich leider erst in fünf Stunden einchecken. Also lasse ich meinen Backpack einschließen und schlendere zum ersten Mal durch eine südostasiatische Stadt. Meine Mission ist es, einen funktionierenden Geldautomaten zu finden.

HINWEIS
Lustigerweise werden in Kambodscha zwei Währungen gleichzeitig verwendet. Neben dem Riel ist auch der US$ eine Landeswährung. Die Kambodschaner mögen allerdings das amerikanische Kleingeld nicht. Falls man also $0,50 zurückbekäme, wird das einfach mit den Scheinen der schwächeren kambodschanischen Währung ausgezahlt. Besonders wichtig: Kambodschaner sind sehr sehr pingelig, was die Qualität der Dollarscheine angeht. Wenn auch nur ein kleiner Riss im Schein ist, nehmen sie ihn einfach nicht an, weil die Bank diesen nicht akzeptieren würde. Die Geldautomaten spucken deswegen Scheine aus, die neurer und sauberer aussehen, als die Scheine in den USA selber.

IMG_3386-001aMeine zweite Mission ist es, eine luftige lange Hose zu kaufen, damit ich den Angkor Tempelkomplex respektvoll betreten kann, aber dabei keinen Hitzschlag bekomme. Zu meinem Erstaunen sehe ich unterwegs Kambodschaner in Jeans oder mit einem Wollschal – bei 40°C! Mir bricht vom Atmen bereits Schweiß aus, aber zum Glück muss ich bis zum alten Markt nicht sehr weit laufen. Dort reiht sich ein Verkäufer mit Souvenirs und Klamotten an den nächsten und ich habe die Qual der Wahl.

Die Prozedur ist immer die gleiche als ich nach dem Preis frage: Zunächst werden die Qualität der Hose und irgendwelche besonderen Eigenschaften angepriesen. Nach dem zweiten Nachfragen wird ein übertrieben hoher Preis genannt. Dann gucke ich skeptisch, schüttel lächelnd den Kopf und es kommt ein „okayy, special prize, just for youu“ und der Verkäufer geht $1 runter. Ich zögere etwas, bewege mich langsam in Richtung nächstem Stand und der Verkäufer geht weiter mit dem Preis runter, bis er schließlich bei der Hälfte des ursprünglichen Preises ankommt. Wir werden uns einig und sind beide zufrieden. Das ist die Notwendigkeit des Handelns in Kambodscha.

HINWEIS
Natürlich zahle ich immer noch viel mehr als die Hose eigentlich wert ist und die Locals zahlen nur einen Bruchteil davon. Aber auf die paar Dollar kommt es mir nicht an. Der kambodschanische Verkäufer braucht sie dringender. Ob ich jetzt $2 oder $3 für eine Sommerhose bezahle, macht für mich wirklich keinen Unterschied und es ärgert mich, wenn ich andere Touristen sehe, die tatsächlich mit einem Tuk Tuk Fahrer um 10 Cent feilschen, weil sie unbedingt so wenig wie die Locals zahlen wollen. Am gleichen Tag buchen sie dann eine teure Tour für $80 und freuen sich, wie toll und sparsam sie doch sind, weil sie die Not anderer Menschen ausgenutzt haben.

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Nach dieser ersten Begegnung mit einem asiatischen Markt gönne ich mir erst einmal einen fantastischen Bananenmilchshake und beobachte die vorbeifahrenden Menschen. Die Sprache ist zum Glück kein Problem, weil die meisten Einwohner Englisch können – zumindest rudimentär (und auf jeden Fall besser als Chinesen!). Langsam entspanne ich mich und fühle mich angekommen. So chaotisch wirkt die Stadt überhaupt nicht und ich kann mich ohne Probleme zurechtfinden. Straßenschilder brauche ich dafür nicht, weil sich jede Straßenecke neu in mein Gedächtnis einprägt.

IMG_3169-001Und falls ich mich doch verlaufen sollte, dann könnte ich mich einfach für ein paar Cent von einem Tuk Tuk nach Hause bringen lassen. Sie wuseln hier nur so durch die Gegend und ich kann keine zehn Meter gehen, ohne, dass mir ein Fahrer „Tuk Tuk, Miss?“ zuruft. Vielleicht geht mir das nach ein paar Tagen auf den Keks, aber freundlich lächelnd den Kopf zu schütteln kostet mich ja nichts.

Ich gehe lieber langsam zu Fuß, um alle neuen Eindrücke verarbeiten zu können. Für den Rückweg brauche ich ziemlich lange, weil Fußgänger ignoriert werden. Deshalb muss ich teilweise eine kleine Ewigkeit warten, bis ich eine Straße überqueren kann, ohne von der Meute an Tuk Tuks, Mopeds und Bussen überfahren zu werden. Ampeln wären dann doch ganz hilfreich.

Wieder im Hostel angekommen, fällt mir an der Rezeption ein Schild auf, dass ich vor lauter Müdigkeit bisher nicht bemerkt hatte:

IMG_3502-001aDa die Zeit hier in Kambodscha anscheinend langsamer vergeht, habe ich immer noch wahnsinnig viel Zeit, bis ich einchecken kann. Also lasse ich meine Beine in den Hostel-Pool baumeln und plane meine Ausflüge zum Angkor-Tempelkomplex. Ich bin zufrieden. Das Hostel ist großartig und wirklich sauber. Die Bäder und der Pool werden jeden Tag gereinigt, das Wasser ausgetauscht und die Mülleimer geleert, was in Asien nicht selbstverständlich ist. Ich kann mich allerdings noch nicht ganz daran gewöhnen, dass man das Klopapier hier nicht herunterspült.

Mein "Arbeitsplatz", an dem ich Bloposts schreibe.

Mein „Arbeitsplatz“, an dem ich Blogposts schreibe.

HINWEIS
Toilettenpapier wird in Südostasien immer in den Mülleimer geworfen und nicht in die Toilette. Die alten Rohre würden ansonsten verstopfen. Normalerweise wird Toilettenpapier sowieso nur für die Touristen bereitgestellt. Die Einwohner benutzen einen Bottich voll Wasser und eine Schöpfkelle für ihren Toilettengang. Normale südostasiatische Toiletten sind außerdem quasi in den Boden eingelassene Löcher, über die man sich hockt. Auf den ersten Blick wirkt das vielleicht etwas primitiv, aber eigentlich ist das sehr hygienisch. Glücklicherweise gibt es trotzdem in allen touristischen Betrieben „westliche Toiletten“.

Mein Zimmer ist ein Traum: Für das 6er-Zimmer zahle ich pro Nacht nur $6, es gibt ausreichend Steckdosen, Wifi im ganzen Hostel, große Schließfächer unter dem Bett (in die der gesamte Backpack passt), liebevolle Details wie Namensschilder an den Betten, eine eigene Dusche, einen Deckenventilator und sogar eine Klimaanlage. Außerdem machen einem die Hostel-eigenen Tuk Tuk Fahrer einen fairen Preis und bringen einen auch wirklich dahin, wo man hin möchte. Da ich knapp zwei Wochen in Siem Reap bleiben werde, packe ich mein komplettes Gepäck um und mache es mir in dem Zimmer gemütlich. Nach dem nomadenhaften Monat in Neuseeland habe ich so eine Basis auch einfach mal dringend gebraucht.

Genau ein Monat meiner Weltreise liegt noch vor mir und hier werde ich etwas Zeit finden, zu Entspannen und meine leeren Reiseakkus wieder aufzuladen. Ich gönne mir noch ein kambodschanisches Abendessen (Basilikumhühnchen) und falle nach diesem knapp 40-stündigen Tag um 20 Uhr ins Bett. Eigentlich perfekt, denn am nächsten Tag will ich mir den Sonnenaufgang im berühmten Tempel Angkor Wat angucken und muss um vier Uhr morgens aufstehen. Da ist der Jetlag sogar mal für was gut, weil ich wahrscheinlich von alleine früh aufwachen werde. Zufrieden schließe ich die Augen und denke an das Unbekannte, das mich die nächsten Wochen erwartet. An dieses umheimliche aufregende und besondere Unbekannte.

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2 Kommentare

  1. Doris Brinkmann

    Endlich…..geht es weiter….ich konnte es kaum erwarten, mehr zu erfahren…..ich freue mich schon auf das nächste Kapitel. :)

  2. Pingback:Kambodscha-Delfine, Zirkus, Tempel- 10 Reiseblogger berichten

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