Hobbiton – Der Ort, an dem die Zeit stillsteht

Lesezeit: 7 Minuten
In Matamata befindet sich die wahrscheinlich schönste Tourist-Info der Welt.

In Matamata befindet sich die wahrscheinlich schönste Tourist-Info der Welt.

Auf der Busstrecke von Auckland nach Rotorua liegt das kleine Örtchen Matamata. Eigentlich ein sehr unspektakulärer Name, doch ich beschließe, dort einen zweistündigen Zwischenstopp einzulegen. Während meiner Reise haben mir andere Backpacker immer wieder von diesem Reiseziel vorgeschwärmt, denn inmitten einer hügeligen Schaffarm in Matamata versteckt sich Hobbiton – Das Auenland aus J.R.R. Tolkiens Trilogie „Der Herr der Ringe“.

Da mich Peter Jacksons Verfilmungen vor einem Jahrzehnt auf das wunderschöne Neuseeland aufmerksam gemacht haben und das Land seitdem mein absolutes Traumziel ist, darf ich mir das originale Filmset natürlich nicht entgehen lassen.

IMG_1729-001Es ist ein bizarrer Anblick, als ich in Matamata ankomme und mit einem Shuttle Bus in Richtung Auenland fahre. Jetzt im Herbst husten mir die Hügel ein staubig ausgedörrtes Braun entgegen und innerlich mache ich mich auf eine herbe Enttäuschung gefasst. Wird das Filmset dem Auenland im Film überhaupt ähneln?

Als der Shuttle Bus mit meiner kleinen Tourgruppe um eine Kurve biegt, traue ich meinen Augen nicht. Hobbiton gleicht einer magischen Oase! Das saftige Grün der Wiesen lässt die kahlen Hügel der Umgebung noch blasser aussehen und der See wirkt wie eine Fata Morgana. Erwartungsvoll folgen wir unserem Guide Daniel zum Eingang des Filmsets.

Hobbiton gleicht einem Paralleluniversum. Ich war noch nie an einem Ort, der sich weniger wie ein Filmset angefühlt und realer gewirkt hat als diese hügelige Welt. Der Gemüsegarten wird tatsächlich bearbeitet und geerntet und die Wiesen werden bewässert und gepflegt. Überall blühen Blumen, Rauch qualmt aus den Schornsteinen, Bienen summen und Schmetterlinge umkreisen mich. Fast erwarte ich jeden Augenblick, einem fröhlichen Hobbit über den Weg zu laufen.

IMG_1734-001Ich kann nicht anders, als mich wie ein kleines Kind zu freuen. Mit einem kurzen Blick in die Runde vergewissere ich mich, dass ich mit diesem Gefühl nicht alleine bin. Egal ob 20-jähriger Asiat oder 67-jähriger Brite – alle stehen staunend an den winzigen Gartentörchen und freuen sich über kleine Details, die es in den liebevoll gestalteten Vorgärten, wie in Wimmelbüchern, zu entdecken gilt. Die Hobbithäuschen sind allerliebst winzig und beim Anblick von Bierfässern oder Stühlen in Miniatur muss ich einfach schmunzeln.

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IMG_1736-001Es ist erstaunlich, mit was für einer Detailbesessenheit Peter Jackson Hobbiton erschaffen hat. „Weil in der Eröffnungsszene im Buch Hobbitkinder unter einem Pflaumenbaum sitzen und Pflaumen essen, hat Jackson unzählige Pflaumen an einen kleinen Apfelbaum kleben lassen, denn ein echter Pflaumenbaum hätte von den Proportionen her nicht ins Set gepasst“ erzählt Daniel und fügt lachend hinzu, dass diese Szene im Film schließlich unglaubliche zwei Sekunden lang zu sehen war.

Gespannt lauschen wir Daniels Anekdoten. Jacksons Problemlösung, in die Tonaufnahmen quakende Frösche kurzerhand einzeln einfangen und umsiedeln zu lassen finde ich sehr sympatisch – auch wenn das nicht gerade ein Traumjob ist. Am Baum auf Bag End (Bilbos Haus) 200.000 Blätter einzeln mit Draht zu befestigen, ist eine ebenso unliebsame Aufgabe.

IMG_1762-001IMG_1766-001„Peter Jacksons Perfektionismus ist der Grund, warum Hobbiton an genau dieser Stelle gebaut wurde, denn er hat sich diesen Ort wegen eines einzigen Baums ausgesucht – The Party Tree“, erklärt Daniel.
Als er im März 1999 diesen wunderschönen 90 Jahre alten Baum und die umliegende Hügellandschaft fand, fing er begeistert mit den Bauarbeiten an. Ab Dezember 1999 fanden dann drei Monate lang Filmarbeiten statt. IMG_1810-002

„Eigentlich war mit dem Farmbesitzer vereinbart worden, dass das Set danach komplett vernichtet wird, doch es regnete so stark, dass die Maschinen keinen Halt hatten und die Abrissmannschaft warten musste“ erzählt Daniel. Als die Einwohner Matamatas in den darauffolgenden Tagen nach und nach alle beim Besitzer der Alexander Farm anklopften, merkte er schnell, dass er auf seiner Farm Auenland-Führungen anbieten könnte.
IMG_1760-001In Gedanken danke ich dem Farmer für seinen Geschäftssinn, denn dadurch wurde dieses kleine Wunderland nicht zerstört und ich kann den selben Weg betreten, den Gandalf im Film entlangschreitet. Ich setze mich auf die Bank, von der aus Frodo im Film den Sonnenuntergang betrachtet und Daniel verrät, durch welchen einfachen Trick Gandalf im Film größer wirkt: Gandalf sitzt in der Szene nicht gemeinsam mit Frodo auf der Bank, sondern zwei Meter vor dem Gartentörchen.

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Ab 2009 wurde Hobbiton 2 Jahre lang erneut umgebaut und es kamen neue Häuschen dazu. Im Oktober 2011 wurde dann für die Hobbit-Trilogie 12 Tage lang gefilmt.

Die Perspektive spielt die wichtigste Rolle dabei, Gandalf und die Hobbits unterschiedlich groß wirken zu lassen. „Einige wenige Hobbithäuschen wurden in 90-prozentiger Lebensgröße gebaut und alle anderen in 60 Prozent“, erklärt Daniel. Bei Szenen mit Gandalf und Frodo steht Gandalf also vor dem kleinen und Frodo vor dem großen Häuschen. In Wirklichkeit wurden alle anderen Hobbits im Dorf von verkleideten Kindern gespielt.

Der Trick, um die Hobbits und Gandalf verschieden groß wirken zu lassen: einige Hobbithäuschen sind in 90% Größe gebaut, die anderen in 60%. Bei einer Szene mit Gandalf und Frodo steht Gandalf vor dem kleinen und Frodo vor dem anderen. Alle anderen Hobbits waren in Wirklichkeit verkleidete Kinder.

Zu gerne würde ich dieses Hobbitgewusel einmal in Echt sehen, doch ich muss mit Daniel vorlieb nehmen.

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Eigentlich wirkt er mit seinem schelmischen Grinsen fast wie ein fröhlicher kleiner Hobbit. Und nach jeder Anekdote folgt unweigerlich die typisch neuseeländische Aussage „Sweet as“, die uns mit viel Nachdruck entgegen geschmettert wird. Innerlich frage ich mich zwar „Sweet as what?“, aber hier in Neuseeland ist einfach alles fantastisch, weshalb ein „Super wie!“ als ganzer Satz fungieren darf.

Als Daniel eine der Türen öffnet, zerstört er allerdings schlagartig die Idylle und ein bestürztes Schweigen breitet sich aus. Dahinter verbirgt sich bloß ein winziger Raum, der die Hausfassade trägt und ich werde wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt. Dieses Örtchen ist nur ein Filmset.

„Es gibt in Hobbiton ein vollständig ausgebautes und begehbares Haus und zwar Bilbos Bag End“, versucht Daniel uns aufzumuntern. Doch die Tatsache, dass man den Raum für eine Party mieten muss, um ihn betreten zu dürfen, hebt die Stimmung nur spärlich.

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Im Party Field angekommen werden wir daraufhin zu einem Hobbittanz aufgefordert und drehen singend Kreise, bis die Hobbithaus-Attrappen völlig vergessen sind. Im Green Dragon Pub wird unsere Glanzleistung sogar mit einem Freibier belohnt. Auf geschlungenen Wegen geht es durch einen kleinen Wald, am See und der tatsächlich funktionstüchtigen Wassermühle vorbei und über die kleine Brücke bis zum Pub.

Wunderschöne Idylle!

Wunderschöne Idylle!

IMG_1788-001Der Green Dragon Pub ist – wie sollte es anders sein – sehr detailliert eingerichtet. Überall entdecke ich kleine Aushänge von Hobbits, die nach verlorenen Mänteln suchen oder zu einem Rauchringwettbewerb aufrufen. Ich vervollständige mein Freibier mit einem leckeren Beef & Ale Pie und setze mich auf einen der gemütlichen Sessel an den flackernden Kamin.

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Ich brauche nicht viel Fantasie, um die Filme vor meinem inneren Auge zu sehen. Ich kann die Aura dieses Ortes in der Luft schmecken und bin einfach nur glücklich darüber, dass mich das Auenland nicht enttäuscht hat und ich in diese besondere Welt eintauchen durfte.

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Viel zu bald ist die Tour auch schon vorbei und ich verlasse das Auenland mit seinen rauchenden Kaminen, duftenden Blumen und unsichtbaren Hobbits.

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Was für ein schöner Ausflug in eine fast unwirkliche Welt, in der die Zeit stillsteht. Auf geht’s nach Rotorua zum nächsten Abenteuer!

Warst du schon einmal an einem originalen Filmset? Hat es deinen Erwartungen entsprochen oder war er anders, als du es dir vorgestellt hast?

 

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2 Kommentare

  1. Doris Brinkmann

    Das ist wirklich soooo knuffig, da muss ich unbedingt irgendwann einmal hin :-)

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